Vielleicht kennen Sie diese Szene: Bei den Hausaufgaben zieht sich alles wie Kaugummi, am Handy vergehen zwei Stunden wie im Flug und das Ausschalten endet im Drama. Schnell steht die Frage im Raum: Ist das Handy schuld? Oder fehlt meinem Kind Disziplin? Hat es vielleicht ADHS, weil es so überreagiert? Beides greift zu kurz.
Zur Einordnung: Handynutzung verursacht nach heutigem Stand kein ADHS. Es ist eine neurobiologische Entwicklungsbesonderheit und stark erblich. Gleichzeitig lässt sich ein wechselseitiger Zusammenhang nachweisen. Wie die immer noch als Basisstudie geltende Happiness & Health Study von 2018 zeigt, entwickelt sich mit höherer Wahrscheinlichkeit ADHS, wenn digitale Medien besonders häufig genutzt werden. Kinder mit ADHS* geraten häufiger in problematische Nutzung. Sehr intensive Nutzung wiederum kann Schlaf, Konzentration und Stimmung belasten, was Symptome verstärkt. Gleichzeitig schwächt vermehrte Mediennutzung die Aufmerksamkeit. Wie stark sich dies jedoch tatsächlich auf das jugendliche Gehirn auswirkt, wird derzeit noch erforscht.
Hier kommt nun Dopamin ins Spiel. Der Botenstoff ist weniger ein „Glückshormon“ als ein Antriebsstoff. Er sorgt für Motivation und Vorfreude, für das „Ich will das jetzt“. Im ADHS-Gehirn arbeitet dieses Belohnungssystem aber anders. Aufgaben, die nicht sofort spannend, neu oder belohnend sind, erzeugen zu wenig Antrieb. Anfangen und Dranbleiben fühlen sich dann besonders anstrengend an. Das ist keine Faulheit, sondern Neurobiologie.
Apps sind für dieses System wie gemacht. Sie geben sofortiges Feedback und wechseln schnell. Sie belohnen immer, wecken Erwartungen. Denn was kommt als Nächstes? Und Apps haben im Gegensatz zu einem Buch kein natürliches Ende. Der Endlosfeed funktioniert ähnlich wie ein Spielautomat für die Aufmerksamkeit. Das macht uns alle empfänglich, ein Gehirn mit besonders starkem Bedürfnis nach Stimulation aber noch viel mehr.
Impulse bremsen, Aufmerksamkeit steuern, aufhören können ist jedoch eine Frage der Selbstregulation. Sie sitzt im präfrontalen Cortex, dem „Stirnhirn“, das bis ins junge Erwachsenenalter reift, bei ADHS oft noch verzögerter. Ein Kind kann also nicht „einfach mal aufhören“, ihm fehlt (noch) die Bremse. Deshalb leihen wir ihm zunächst unsere. Das nennt man Co-Regulation. Mit der Zeit wird daraus eine eigene Fähigkeit.
Hier ein paar Tipps, was dabei helfen kann:
- Enden sichtbar machen und im Vorfeld klar kommunizieren: Timer nutzen, Übergänge ankündigen („noch eine Folge, dann Abendessen“), Autoplay abschalten.
- Feste Regeln: Push-Benachrichtigungen aus, das Handy abends außerhalb des Kinderzimmers laden, Bildschirmzeiten festlegen.
- Andere Dopaminquellen anbieten: Bewegung, Musik, Bauen, Draußensein. Zehn Minuten Toben vor den Hausaufgaben wirken oft Wunder.
- Gemeinsam beobachten: „Wie fühlst du dich nach einer Stunde?“ Selbstwahrnehmung ist der erste Schritt zur Selbststeuerung.
- Vorbild sein: Auch unser Handy hat Sogkraft, und das darf man ruhig laut sagen.
- Erfolge benennen: „Du hast heute selbst aufgehört, das war nicht leicht.“
Ilona Einwohlt für MuK Hessen e. V.
*Dieser Text kann keine Diagnose ersetzen. Wenn Ihr Kind oder Sie selbst unter der Situation leiden, sind Kinder- und Jugendärzte oder Beratungsstellen gute erste Anlaufpunkte.
Quelle: MuK Institut für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen e. V.

