MuK: Wenn der Chatbot zuhört – und wir nicht

Fast alle Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren nutzen KI-Chatbots wie ChatGPT oder Copilot. Nicht nur für Schulaufgaben, sondern für Fragen, die früher ins geheime Tagebuch gewandert wären oder zögernd am Küchentisch gestellt wurden.

 Apps von KI-Anwendungen auf einem Smartphone angezeigt: ChatGPT, Sora, Suno, Gemini, Copilot, Claude, Grok

Fragen über Gesundheit, Liebe, Angst, den eigenen Körper. Und sie stellen sie nicht uns Eltern. Sie stellen sie einer Maschine. Nicht einer klassischen Suchmaschine. Nicht der besten Freundin. Nicht Mama oder Papa. Sondern einer künstlichen Intelligenz, die um Mitternacht antwortet, die niemals seufzt, niemals abgelenkt wirkt und niemals urteilt. Und das ist der Moment, in dem wir als Eltern und Gesellschaft innehalten sollten.

Studien sagen: Vier von zehn Jugendlichen finden es oft hilfreicher, eine KI zu fragen, als einen Menschen. Der wichtigste Grund: Die KI ist immer da. Um Mitternacht, wenn die Angst vor dem nächsten Schultag Bauchschmerzen macht. Am Wochenende, wenn die Eltern beschäftigt oder einfach zu weit weg wirken. Der Chatbot schläft nicht. Er hat keine schlechte Laune, macht keine Vorwürfe, ist verständnisvoll und bestärkt sogar unsere Handlungen. Er fragt nicht nach, ob die Hausaufgaben fertig sind.

Ein knappes Drittel der Jugendlichen ab 12 Jahren nutzt KI, um Sorgen und Probleme zu besprechen. Ein Viertel zum Stressabbau. Und bereits ein Viertel sagt offen: Es fällt mir leichter, mit einem Chatbot über persönliche Dinge zu reden als mit echten Menschen. Mit echten Menschen. Mit uns.

Es gibt auch eine überraschend berührende Seite dieser Entwicklung: Knapp ein Viertel der Befragten nutzt KI, um schwierige Gespräche vorzubereiten. Mit den Eltern über schlechte Noten. Mit der Lehrerin oder dem Lehrer über eine unfaire Beurteilung. Mit der besten Freundin nach einem Streit. Der Chatbot als Proberaum für echte Verbindung – das zeigt, wie sehr diese Jugendlichen sich wünschen, gehört zu werden. Sie üben das Gespräch, weil sie Angst haben, es zu führen. Das sagt mehr über unsere Zeit und uns als über sie.

Doch 28 % der Befragten glauben, ihre Eingaben seien vertraulich. Mehr als ein Viertel vertraut dem Chatbot intime Inhalte an – Dinge, die sie sonst niemandem erzählen würden. Was sie nicht wissen: Was einmal getippt wurde, kann gespeichert, analysiert und ausgewertet werden. Ihre verletzlichsten Gedanken landen auf Servern in Übersee unter gesetzlich anderen Umständen, und niemand weiß, was mit ihren Daten geschieht. Vier von zehn Jugendlichen überprüfen zudem selten oder nie, ob die Antworten des Chatbots überhaupt stimmen. Gleichzeitig ahnen sie selbst, dass etwas nicht stimmt. Die Mehrheit sorgt sich sogar, dass KI das eigenständige Denken schwächt.

Was hilft, ist wie immer das Gespräch mit interessierten Fragen und neugierigem Herausfinden: Wie antwortet der Chatbot, wenn du ihn nach Wachstums- oder Zahnschmerzen fragst? Stimmt das? Was fehlt? Wer das gemeinsam mit seinem Kind ausprobiert, zeigt Interesse. Auch kann man mit einem Experiment Medienkompetenz vermitteln, indem man der KI eine Frage stellt, auf die sie keine Antwort wissen kann. Seien sie zusammen kreativ. Die Bestimmtheit, mit der die Antwort geliefert wird, verdeutlicht hoffentlich, dass eine KI auch halluzinieren kann, also sich eine Antwort aus dem falschen Kontext herleitet.

Zwei Drittel der Jugendlichen wünschen sich laut Studien Begleitung durch die Schule, ein Drittel von ihren Eltern. Unsere Kinder wollen also lernen und begleitet werden! Die Frage ist nicht, ob wir die Zeit dafür haben. Die Frage ist, ob wir für unsere Kinder da sind und sie beim Aufwachsen in der digitalen Welt begleiten. Bevor der Chatbot endgültig übernimmt, was eigentlich unsere Aufgabe ist.

Saferinternet.at-Studie „KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche“ (2026)

  • 94 % der 11–17-Jährigen nutzen KI-Chatbots
  • 40 % empfinden es oft als hilfreicher, eine KI zu fragen als einen Menschen; Verfügbarkeit ist für 59 % der wichtigste Nutzungsgrund
  • 25 % fällt es leichter, mit einem Chatbot über persönliche Themen zu sprechen als mit Menschen
  • 23 % nutzen KI, um heikle Gespräche vorzubereiten
  • Zwei Drittel (66 %) erwarten Unterstützung durch die Schule, ein Drittel (33 %) von den Eltern


Ilona Einwohlt für MuK Hessen e.V.

Quelle: MuK Institut für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen e. V.